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30 Jahre ISL: Erfolge und aktuelle Herausforderungen

Uwe Frevert vor ISL-Banner
Uwe Frevert vor ISL-Banner
Foto: Franziska Vu ISL

Kassel (kobinet) Uwe Frevert wurde in seinem Engagement für die Selbstbestimmung und Gleichstellung behinderter Menschen von der Independend Living Bewegung der USA und deren Kampf für Menschenrechte geprägt. In seinem Statement zum heutigen 30jährigen Jubiläum der ISL, die am 19. Oktober 1990 gegründet wurde, beleuchtet das aktuelle und langjährige Vorstandsmitglied der ISL einige Erfolge während der letzten 30 Jahre, zeigt sich aber auch frustriert angesichts der heute immer noch weitverbreiteten Aussonderungspraxis und der damit verbundenen Wohlfahrtsmaschinerie in Deutschland.

Statement von Uwe Frevert vom Vorstand der ISL

Seit über 50 Jahren lebe und arbeite ich für ein gleichberechtigtes Leben behinderter Menschen. Seit über 40 Jahren mache ich das professionell. Als ich 1983 / 84 in den USA die Independent Living Bürgerrechtsbewegung und ihre Errungenschaften erleben durfte, glaubte ich, dass wir in Deutschland ebenso Rechte zur gleichberechtigten Nutzung von öffentlichen Nahverkehrsmitteln, der Nutzung von Zügen, Restaurants, kulturellen Veranstaltungen und Wohnungen etc. bekommen werden. Um dieses Recht auf Gleichberechtigung zu erhalten, haben wir den Bundesverband ISL e.V. als Zusammenschluss der Zentren für selbstbestimmtes Leben – ZsL® gegründet. Wir sind als ISL in den letzten 30 Jahren unglaublich erfolgreich gewesen und hierfür haben wir enorm viel gearbeitet. Einige von uns haben hierzu die UN-Behindertenrechtskonvention mit erarbeitet, welche in Deutschland geltendes Recht ist. Wir haben über das Forum der behinderten Juristinnen und Juristen (FbJJ) wichtige gesetzliche Impulse für Deutschland anstoßen können, wie z.B. das AGG, BGG und das BTHG.

Nicht unerwähnt möchte ich dabei die bisherigen GeschäftsführerInnen der ISL lassen. Das waren Dinah Radtke, Ottmar Miles-Paul, Martina Puschke, Barbara Vieweg, Dr. Sigrid Arnadei und derzeit an der Doppelspitze Alexander Ahrens und Wiebke Schär.

Und was ist unsere Lebenssituation in Deutschland?

Wir mussten 1995 bei Einführung der Pflegeversicherung erleben, dass Pflegedienste mehr Geld bekommen, wenn sie uns „betreuen“ und wir weniger Geld für unsere selbst organisierte Assistenz erhalten. Obwohl die selbst organisierte Assistenz wirtschaftlicher und effizienter ist. Jens Spahn, der Bundesminister für Gesundheit, kann im Jahr 2020 die Diskussion darüber erlauben, ob Menschen, welche von technischen Geräten abhängig sind, wie zum Beispiel einem banalen Beatmungsgerät, doch nicht besser in stationären Einrichtungen leben sollten. Diese Benachteiligung und Aussonderung behinderten Lebens hat in Deutschland eine Tradition, welche mit ca. 70 Prozent der verfügbaren Gelder für „Heime“ und separate Arbeitsstätten (WfbM) und Sonderschulen gefördert wird. Und in Zeiten von Covid-19 müssen wir erleben, dass die Würde in diesen Institutionen der Behindertenhilfe mit Besuchsverboten und eingeschränkter Freiheit und Bildung konfrontiert ist.

Richard von Weizäcker sage im Zusammenhang von Behinderung einmal: „Es ist normal verschieden zu sein“. Mit diesem Satz hat die deutsche Behindertenhilfe nach wie vor ein massives Problem. Für die meisten Beteiligten der deutschen Wohlfahrtspflege ist es nach wir vor unerträglich, wenn wir selbstbestimmt leben wollen. Es ist eine Provokation für den „Nichtbehinderten“, wenn wir uns selbst als normal bezeichnen und die Verantwortung für unser Leben mit einem Beatmungsgerät eigenverantwortlich gestallten und uns nicht der „Obhut“ der „Fürsorge“ von „Heimen“ oder Pflegediensten anvertrauen. Unser selbstbestimmtes Leben wird als Provokation empfunden, weil für „den Nichtbehinderten“ damit die Abgrenzung zum „Behinderten“ aufgehoben wird. Diese Aufhebung zwischen „Behindert“ und „Nichtbehindert“ kann und darf in den Augen der Wohlfahrtspflege nicht sein, denn es würde einen Verfall der Daseinsberechtigung der strukturellen Selektion in „Heime“, WfbMs und Sonderschulen etc. bedeuten.

All das frustriert mich heute sehr und so fehlen mir die Worte für unser Jubiläum.